Gilles Dauvé – 1917-1937: Wenn die Aufstände sterben

» (…) Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, so daß beide einander ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen.«
(Marx, Engels, Vorwort zur russischen Ausgabe des Manifests, 1882)

Diese Perspektive hat sich nicht bewahrheitet. Das europäische Industrieproletariat hat sein Zusammenkommen mit einer neubelebten russischen Dorfgemeinschaft verpaßt.

Polen, Brest-Litowsk, Dezember 1917. Einem Deutschland, das entschlossen ist, sich einen guten Teil des ehemaligen Zarenreichs von Finnland bis zum Kaukasus einzuverleiben, schlagen die Bolschewiken einen Frieden ohne Annektion vor. Aber im Februar 1918 gehorchen die deutschen Soldaten, obwohl sie »Proletarier in Uniform« sind, den Befehlen ihrer Offiziere und nehmen die Offensive gegen das nunmehr sowjetische Rußland wieder auf. Es gibt keine Fraternisierung, und der von den Linksbolschewiken gerühmte revolutionäre Krieg erweist sich als undurchführbar. Im März muß Trotzki ein Friedensabkommen unterschreiben, dessen Bedingungen die Generäle des Kaisers diktiert haben. Wir tauschen Raum gegen Zeit, hatte Lenin gesagt: und tatsächlich wird mit der deutschen Niederlage im November der Vertrag hinfällig. Doch der praktische Beweis der internationalen Einigkeit der Ausgebeuteten war verpaßt worden. Einige Monate später stellen sich dieselben Proletarier, die nun mit dem Ende des Kriegs ins Zivilleben zurückgekehrt sind, der mit den Freikorps alliierten offiziellen Arbeiterbewegung entgegen. Sie unterliegen 1919 in Berlin, in Bayern und in Ungarn. 1920 unterliegt die Rote Ruhrarmee. 1921 scheitert die Märzaktion …

September 1939. Hitler und Stalin haben sich gerade Polen untereinander aufgeteilt. An der Grenzbrücke Brest-Litowsk werden mehrere hundert KPD-Mitglieder, die sich in die UdSSR geflüchtet hatten und dann als »Konterrevolutionäre« oder »Faschisten« verhaftet worden waren, aus den stalinistischen Gefängnissen an die Gestapo übergeben.

1917-1937, zwanzig Jahre, die die Welt erschütterten. Die Schrecken des Faschismus von 1939-45 und die Umwälzungen, die darauf folgten, sind das Ergebnis einer gigantischen gesellschaftlichen Krise, die durch die Aufstände von 1917 eröffnet und mit dem Krieg in Spanien wieder beendet wurde.
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Walter Benjamin – Zur Kritik der Gewalt

Die Aufgabe einer Kritik der Gewalt läßt sich als die Darstellung ihres Verhältnisses zu Recht und Gerechtigkeit umschreiben. Denn zur Gewalt im prägnanten Sinne des Wortes wird eine wie immer wirksame Ursache erst dann, wenn sie in sittliche Verhältnisse eingreift. Die Sphäre dieser Verhältnisse wird durch die Begriffe Recht und Gerechtigkeit bezeichnet. Was zunächst den ersten von ihnen angeht, so ist klar, daß das elementarste Grundverhältnis einer jeden Rechtsordnung dasjenige von Zweck und Mittel ist. Ferner, daß Gewalt zunächst nur im Bereich der Mittel, nicht der Zwecke aufgesucht werden kann. Mit diesen Feststellungen ist für die Kritik der Gewalt mehr, und freilich auch anderes, als es vielleicht den Anschein hat gegeben. Ist nämlich Gewalt Mittel, so könnte ein Maßstab für ihre Kritik ohne weiteres gegeben erscheinen. Er drängt sich in der Frage auf, ob Gewalt jeweils in bestimmten Fällen Mittel zu gerechten oder ungerechten Zwecken sei. Ihre Kritik wäre demnach in einem System gerechter Zwecke implizit gegeben. Dem ist aber nicht so. Denn was ein solches System, angenommen es sei gegen alle Zweifel sichergestellt, enthielte, ist nicht ein Kriterium der Gewalt selbst als eines Prinzips, sondern eines für die Fälle ihrer Anwendung. Offen bliebe immer noch die Frage, ob Gewalt überhaupt, als Prinzip, selbst als Mittel zu gerechten Zwecken sittlich sei. Diese Frage bedarf zu ihrer Entscheidung denn doch eines näheren Kriteriums, einer Unterscheidung in der Sphäre der Mittel selbst, ohne Ansehung der Zwecke, denen sie dienen.
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Leitfaden Alg II/Sozialhilfe von A-Z

Die grundlegend überarbeitete Neuauflage des bekannten „Standardwerks für Arbeitslosengeld II-Empfänger” (Spiegel 43/2005) ist im Oktober 2008 erschienen. Der neue Leitfaden wurde von Autorenteam Frank Jäger und Harald Thomé vom Erwerbslosen- und Sozialhilfeverein Tacheles e.V. herausgegeben. Der Verein Tacheles aus Wuppertal hat das Ratgeberprojekt für Betroffene und Berater/-innen aufgrund der Pensionierung von Prof. Rainer Roth vollständig von der AG TuWas (FH Frankfurt) übernommen.
Der Ratgeber beruht auf vielen Jahren Beratungs- und Schulungspraxis und einem bewährten Konzept, das im Lauf von 30 Jahren „Leitfadenarbeit” entwickelt wurde.

Er stellt zugleich mit den Regelungen des Arbeitslosengelds II auch die Regelungen der Sozialhilfe und der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung in kompakter Form dar. Als einziger umfassender Ratgeber für das SGB II und SGB XII ist er deswegen für Beratungszwecke und als Nachschlagewerk sowohl für Rechtsanwender als auch für Laien besonders geeignet.

Im ersten Teil werden in 91 Stichworten alle Leistungen ausführlich in übersichtlicher und bewährt verständlicher Form erläutert. Der zweite Teil behandelt in 30 Stichworten wie Betroffene ihre Ansprüche durchsetzen und sich erfolgreich gegen die Behörde wehren können.

Der aktuelle Stand der Rechtsprechung und der Gesetzgebung ist eingearbeitet und kritisch kommentiert. Auch der Blick auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, ihre sozialen und wirtschaftlichen Ursachen und die Zielsetzung aktueller Sozialgesetzgebung fehlt nicht.

Die Autoren wollen mit diesem Leitfaden BezieherInnen von Sozialleistungen dazu ermutigen, ihre Rechte offensiv durchzusetzen und sich gegen die fortschreitende Entrechtung und die Zumutungen der Alg II-Behörden zu wehren. Sie wollen dazu beitragen, dass sie bei SozialberaterInnen, MitarbeiterInnen der Sozial- und Wohlfahrtsverbände sowie Anwältinnen und Anwälten fachliche und parteiische Unterstützung für die rechtliche Gegenwehr erhalten, die dringend benötigt wird. Jäger und Thomé empfehlen Erwerbslosen sich lokal zu organisieren und gemeinsam ihre Interessen zu vertreten. Um dem zunehmenden Abbau der sozialen Sicherung und der damit einhergehenden Ausweitung von Niedriglohn und schlechten Arbeitsbedingungen zu begegnen, treten sie dafür ein, dass solidarische Bündnisse zwischen Erwerbslosen, Beschäftigten und anderen vom Sozialabbau betroffenen Gruppen geschmiedet werden, die dem Sozialabbau und Lohndumping den Kampf ansagen.

Die Autoren üben detaillierte Kritik an der Höhe des Existenzminimums oder der rechtswidrigen Ausdehnung von Unterhaltsverpflichtungen. Sie decken die leeren Versprechungen der Politik auf, die vorgeben die Verschärfung des Sozialrechts würde Langzeitarbeitslosen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschaffen. Der Ratgeber enthält außerdem neue rechtliche Ansätze, wie z.B. ungedeckter Bedarf von Lernmitteln für Schulkinder realisiert oder rechtswidrig gekürzte Leistungen aufgrund eines Krankenhausaufenthalts zurückgefordert werden könnten.

Gerade weil sich die Behörden immer rigider über geltendes Recht hinwegsetzen, ist dieser Leitfaden nötiger denn je.

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Roswitha Scholz – Homo Sacer und „Die Zigeuner“

Antiziganismus – Überlegungen zu einer wesentlichen und deshalb „vergessenen“ Variante des modernen Rassismus

1. Einleitung: Antiziganismus – der „vergessene“ Rassismus
Die Beschäftigung mit dem Antiziganismus, d.h. dem spezifischen Rassismus gegenüber Sinti und Roma, ist auch innerhalb der Linken marginal. Manche wissen gar nicht, was „Antiziganismus“ überhaupt meint. Wolfgang Wippermann schreibt hierzu: „Mein Berufsstand, Professoren und Historiker, haben sich mit den Sinti und Roma nicht beschäftigt, weil es als unfein galt und immer noch gilt. Auch die kritische Intelligenz hat versagt, weil sie die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt deutscher Geschichte viel zu lange versäumt hat. Das gilt auch für linke Gruppen, denen das Schicksal der Sinti und Roma bis heute nicht sehr interessant erscheint“ (Wippermann, 1999, S. 106). Und es gilt leider genauso für wertkritische Kontexte. Als wäre die moderne Konstruktion des „Zigeuners“ als arbeitsscheu, sinnlich, „wild and free“ nicht gerade für eine wert- und arbeitskritische Position von Interesse. Vergessen wird, dass die eigenen verdrängten Bedürfnisse keineswegs bloß auf „Exoten“ projiziert wurden, „Schwarze“ und „Wilde“ irgendwo in Afrika oder in der Karibik, sondern „sie“ sind schon seit Jahrhunderten in nächster Nähe, sozusagen mitten unter uns: die „Zigeuner“, als fester Bestandteil der modern-westlichen Kultur selbst.
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Mehr: ZAG 43 – Schwerpunkt Antiziganismus

Interventionen – Broschüre zur Kritik des Antisemitismus und Rassismus

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01 Einführung in die Broschüre
von der Redaktion

02 Essentials der Antisemitismuskritik
von Sebastian Voigt

03 Homo Sacer und „Die Zigeuner“
Antiziganismus – Überlegungen zu einer wesentlichen und deshalb „vergessenen“ Variante des modernen Rassismus
von Roswitha Scholz

04 Schwarz – Weiß – Rot – Gold
(Anti)Rassismus im deutschen Kontext
von Lou Sander

05 Nationalsozialismus und Antisemitismus
Ein theoretischer Versuch
von Moishe Postone

06 Vom Antijudaismus zum Antisemitismus
Ein historischer Überblick
von Janica Burkova

07 Antiamerikanismus ist kein Antikapitalismus
vom Antifaschistischen Frauenblock Leipzig

08 Islamismus, Faschismus und NS
von Matthias Küntzel

09 Filmrezension: „Shoah“ von Claude Lanzmann
von Andi

10 Ist dir kalt oder hast du was gegen Juden?
von liberté toujours

interventionen.

Johannes Agnoli – „Die Sache selbst“ und ihre Geschichte.

Die Subversion ist die Arbeit, die die Revolution vorbereitet. Sie ist nicht selbst die Revolution – und diese Arbeit ist notwendig, um der Revolution behilflich zu sein in der schwierigen Zeit ihrer Überwinterung.”
Johannes Agnoli

Im Wintersemester 1989/90 hielt Johannes Agnoli seine Abschiedsvorlesung an der FU-Berlin. Beginnend mit dem Alten Griechenland und dem Spartakusaufstand über die Bauerkriege, die Renaissance und die Aufklärung hinweg, über Wilhelm Weitling, Karl Marx und Michael Bakunin bis in die Gegenwart hinein zeigt Angoli was es heißt, den Antagonismus gegen Herrschaft und Ausbeutung zu praktizieren und ihn zugleich zu denken.
1999 veröffentlichte der ça ira Verlag eine Verschriftlichung der Vorlesung, die inzwischen leider ausverkauft ist. Wem das gesprochene Wort genügt, dem sei die Lesung des Buches, veröffentlicht auf Context XXI, empfohlen.

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Das negative Potential – Gespräche mit Johannes Agnoli

Obwohl auch das Buch «Das negative Potential – Gespräche mit Johannes Agnoli» empfehlenswert ist, möchte ich hier auf den gleichnamigen Film aufmerksam machen.

Der Film zeigt Johannes Agnoli in seinem Landhaus in Lucca im Gespräch mit Christoph Burgmer im September 2001. Agnoli führt aus, warum der Staat notwendigerweise ein Zwangsverhältnis darstellt, das für allerlei Dinge zu gebrauchen ist, aber ganz sicher nicht für die Emanzipation der Menschen von Herrschaft und Ausbeutung. Er weist ebenso geduldig wie unnachgiebig darauf hin, daß es nicht um die Humanisierung der Kapitalverhältnisse geht, sondern um deren Überwindung. Gegen die heimtückische Frage, wo denn das Positive bleibe, favorisiert Agnoli die Kraft der Negation und der Subversion. Er spekuliert über eine mögliche Modernisierung des Staates in Richtung eines autoritären Rechtsstaates, erklärt, warum das Kapital über die Einführung einer Tobin-Steuer nur lachen würde, und erläutert, warum die biblische Eva die erste Verkörperung der Subversion war.

torrent auf isohunt.com

requiescat in pace

marx

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft – 28 Thesen zur Klassengesellschaft

Erschienen in Kosmoprolet #1

1.
Das vorläufige Resultat der Geschichte des Kapitals in seinen fortgeschrittenen Zonen stellt sich als klassenlose Klassengesellschaft dar, in der das alte Arbeitermilieu in einer verallgemeinerten Lohnabhängigkeit aufgelöst ist: überall proletarisierte Individuen, nirgends das Proletariat, nicht als erkennbare Gruppe von Menschen und erst recht nicht als kollektiver Akteur, als negative, auflösende Seite der Gesellschaft. Aus gelegentlichen Arbeitskonflikten werden keine Klassenkämpfe, in denen um die Zukunft der Gesellschaft gerungen würde, denn die alte proletarische Bewegung ist restlos in der herrschenden Ordnung aufgegangen und eine neue noch nicht in Sicht.
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Update via place2be.blogsport.de:
Die #1 ist inzwischen ausverkauft. Die gesamte Ausgabe, inklusive „28 Thesen zur Klassengesellschaft“ kann hier heruntergeladen werden.

Michael Reich – Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft?

Die Beantwortung der aufgeworfenen Frage, „Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft“, hängt wesentlich davon ab, welchen Inhalt man diesem Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ zumessen möchte. Er ist notorisch unbestimmt und steht gewissermaßen am Kreuzpunkt unterschiedlicher historischer, soziologischer und psychologischer Betrachtungsweisen. Der Begriff hat keinen festen Bedeutungsgehalt und von daher ist es müßig, die Frage des Vortrages mit ja oder nein zu beantworten. Nichts spricht dagegen den Begriff als Epochenbegriff zu behandeln und bspw. die Zeit von 1870 bis 1914 als „bürgerliches Zeitalter“ zu bestimmen wie in den Geschichtswissenschaften usus. Die Historiographie beschäftigt sich dementsprechend mit dem „Bürger“ als Mitglied einer Schicht, die sich abgrenzt gegen die Arbeiterklasse, aber auch gegen den Adel, einer Schicht, die einen bestimmten Habitus besitzt und ein bestimmtes Selbstbild.
Wählt man eine andere Zeiteinteilung, vielleicht beginnend mit der Amerikanischen Revolution und irgendwann in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts oder Anfang des 20. Jahrhunderts endend, erhält man einen Begriff des Bürgers und der bürgerlichen Gesellschaft, der mit Nachdruck darauf abzielt, dass es in diesem Zeitraum autonome Individuen gab, die sich als selbstbestimmte verstanden und die kritisch auf ihre Umwelt reflektierten. Diese Form der Individualität, so liest man bspw. bei Adorno oder auch bei Hanna Arendt, verschwände mit dem Aufkommen der Massengesellschaft. Folgt man dieser These, liegt es nahe, eine Verfallstendenz anzunehmen und gar vom „Verschwinden des Subjekts“ zu reden, wie Adorno es tat. Die Rede vom „Verschwinden des Subjekts“ soll im Folgenden relativiert werden, ebenso jene vom Ende der „bürgerlichen Gesellschaft“, also die vom Ende der ökonomischen und politischen Bedingungen, die jenes selbstbestimmte Subjekt hervorgebracht haben.
Im Blickpunkt meines Vortrages steht also die Frage, warum es immer noch sinnvoll ist von „bürgerlicher Gesellschaft“ zu sprechen und gerade nicht, wie viele Kritiker der heutigen Zustände es tun, von „postbürgerlicher“ oder „nachbürgerlicher Gesellschaft“. Sowohl ökonomisch, politisch als auch in der Frage nach der Subjektkonstitution haben sich die Koordinaten der gesellschaftlichen Verfasstheit nicht derart geändert, dass man den Begriff der bürgerlichen Gesellschaft ad acta legen sollte.
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Hans-Christian Psaar – Street Art zwischen Rekuperation und subversivem Potential

Gleich zu Beginn die Frage nach der Definition: Was ist Street Art? Sind klassische Schmierereien auf Wahlplakaten Street Art? Oder die farbenfrohe antizionistische Staatskunst, die an Teheraner Häuserwänden zu bestaunen ist? Statt diese Fragen zu beantworten, möchte ich folgende Eingrenzungen vorschlagen, mit Hilfe derer ich Street Art behandeln werde. Street Art basiert auf der kapitalistischen Vergesellschaftung. Sie ist Popkultur und damit Teil der Kulturindustrie und leitet sich nicht aus Traditionen und Gebräuchen ab. Sie legt durch die Verwendung der Kollage den formbaren, synthetischen Charakter von Kunst dar. Sie ist eine urbane Kunst und der Stadtraum ist ihr Betätigungsfeld. Sie bedient sich verschiedener Mittel und Techniken der visuell gestaltenden Kunst wie Sprühschablonen, Aufklebern, Kleister. Sie entstammt einer Subkultur und nicht dem etablierten Kunstbetrieb.
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Claire Erber – Gegenteil von Rassismus, waagerecht

Verschriftlichung des Referats „Antirassismus und die Befreiung des Individuums“, gehalten am 18.08.07 im AJZ Bunte Platte

Wie der Name des Referats schon vermuten lässt, soll im Folgenden nicht die Beschäftigung mit klassisch rassistischen Vorurteilen, Klischees oder Handlungen im Mittelpunkt stehen. Ich gehe schlicht und einfach davon aus, dass von den hier Anwesenden niemand Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminieren oder gar angreifen würde. Die Erkenntnis, dass Menschen in ihrem Charakter nicht primär durch Genetik, geografische Herkunft, biologische Vorfahren oder dergleichen geprägt sind, sondern ihre Persönlichkeit in der Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung entwickeln, kann man nicht nur mit wissenschaftlichen Studien untermauern. Auch die triviale Erfahrung, dass man Freundschaften ebenso gut im Ausland oder per Internet global entwickelt und im Gegenzug die meisten Arschlöcher, die man in der Heimat trifft, Weißbrote sind, kann dies anschaulich bestätigen. Hinzu kommt, dass zu eben jenem Thema schon viele kluge Dinge geschrieben wurden, auf die ich hiermit nur verweisen will. In dieser Abhandlung soll näher beleuchtet werden, was mit der bloßen Ablehnung und Verneinung des Rassismus – welche ich voraussetze – nicht gesagt ist. Nämlich erstens, warum es ihn trotzdem noch gibt, bzw. warum er entsteht und zweitens, wie man ihm angemessen begegnet.
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Das panoptische Gehirn der Festung Europa

Das Thema Überwachung ist in, manche sehen schon eine neue Bürgerrechtsbewegung am Horizont. Auch „die Linke wacht jetzt erschrocken auf, weil die staatlichen Maßnahmen sie selbst betreffen.“
Dabei werden viele Kontrollsysteme erstmalig zur Migrationskontrolle eingesetzt und getestet, bevor sie auf andere gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet werden. Antirassistische Initiativen arbeiten seit langem zum Thema, aber ein breites Bewusstsein dafür scheint es nicht zu geben. Wolfgang Kaleck kritisiert zu Recht: „Dagegen haben sich linke Kritiker aber nie entschieden gewandt, sondern dem Ausbau des Sicherheitsapparates zugeschaut. Und der entfaltet gegenwärtig sein volles Potenzial.“

Dieser Artikel stellt elektronische Datenbanken und Datenaustauschverfahren in der EU vor. Mike Davis bezeichnet diese als „panoptisches Gehirn“ und einen von drei „grundlegenden Bauteilen“ der Festung Europa.
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Lothar Gallow-Bergemann – Fünf Thesen zu Kapitalismuskritik und Utopie

Der Grundbaustein des Reichtums der Gesellschaft, in der wir leben, ist die Ware (Marx). Jede Ware hat einen Wert. Während nun im Alltag aus tausenderlei Gründen dem einen dies und der anderen jenes etwas „wert“ ist oder auch nicht, so handelt es sich beim Wert einer Ware um etwas ganz anderes. Er ist keine natürliche Eigenschaft, sondern gesellschaftlich hergestellt. Heute, wo ein Arbeiter mit Hilfe der Technik pro Tag einhundert Armbanduhren und mehr herstellt, liegt der Wert einer dieser Uhren weit unter dem früherer Zeiten, wo es allgemein üblich war, daß ein Mensch – sagen wir – in zehn Tagen eine Armbanduhr produziert hat. Das einzige, was den sogenannten „Wert der Ware“ ausmacht, ist die Menge an verausgabter menschlicher Arbeitszeit (auf der Basis des jeweils herrschenden wissenschaftlich-technischen Niveaus). Nun gibt es schier unendlich viele konkrete Tätigkeiten und hätten wir es lediglich mit Produkten oder Gütern zu tun, so hätten wir eben nur diese ganz konkreten Dinge vor uns. Da wir es nun aber mit Waren zu tun haben, geschieht etwas Entscheidendes: Alle diese Waren, so unterschiedlich sie auch sein mögen – vom Apfelstrudel bis zum Zeitungskommentar, vom Atomkraftwerk bis zum Zewa-wisch-und-weg , haben etwas Gemeinsames: in ihnen steckt menschliche Arbeit. Und zwar vollkommen abstrakte Arbeit. D.h. über diese Arbeit läßt sich nichts konkreteres sagen als eben dies: daß sie menschliche Arbeit ist. Auf dem Markt tauschen sich nun – in Warenform – diese abstrakten Arbeiten untereinander aus. Es scheint, als würden Dinge ausgetauscht, in Wirklichkeit jedoch handelt es sich beim Warenaustausch um den gesellschaftlichen Austausch der Menschen untereinander, der die Form von Dingen angenommen hat. Es ist diese Verdinglichung oder der Fetischismus der Ware, der die vorgefundenen Verhältnisse als „sachliche“, naturgegebene und unveränderliche erscheinen läßt.
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Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! – Eine notwendige Diskussion über die Antifapolitik

Wenn dumme Parolen auf schwache Strukturen treffen, wenn Nazi-Großveranstaltungen fast unwidersprochen bleiben, wenn schnelles Abenteuer die Diskussion um Inhalte und Strategie antifaschistischer Politik ersetzt, dann ist es Zeit für eine kritische Reflexion!
Unserer Meinung nach steckt die linksradikale antifaschistische Bewegung der Bundesrepublik in einer Krise – und dass nicht erst seit gestern. Antifaschistische Mobilisierungen können zunehmend weniger Menschen bewegen. Viele Aktionen schwanken zwischen pseudomilitanter Selbstbeweihräucherung und selbstmitleidigem Gejammer, und die gesellschaftliche Relevanz scheint uns seit längerem abhanden gekommen zu sein. Was tun? Im Folgenden wollen wir als Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! darlegen, welche Entwicklungen wir problematisch finden, was politisch schlichtweg in die falsche Richtung geht und wie unsere Vorstellungen von linker antifaschistischer Politik aussehen. Wir hoffen, damit eine Debatte über Gegenwart und Zukunft des linken Antifaschismus anzuregen – eine Debatte, die unseres Erachtens mehr als überfällig ist.
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Jan Gerber – Von Lenin zu Al Qaida – Kleine Geschichte des Antiimperialismus

Spätestens im August 1914 dementierte das europäische Proletariat einen der emphatischsten Sätze des Kommunistischen Manifests: „Die Arbeiter haben kein Vaterland!“ Französische Sozialisten reihten sich begeistert in die Schlangen vor den Mobilisierungsbüros der französischen Armee ein. Georgi Plechanow, der politische Ziehvater Lenins, appellierte an die russische Arbeiterklasse, ihr Vaterland zu verteidigen. Und die Reichstagsfraktion der SPD stimmte geschlossen für die Kriegskredite und folgte damit dem Vorbild ihres Großen Vorsitzenden August Bebel, der schon 1898 erklärt hatte, dass er gegen Russland selbst die „Flinte auf den Buckel“ nehmen würde. Die II. Internationale, die noch zwei Jahre vor Kriegsausbruch verkündet hatte, dass sie alles aufbieten werde, um einen Krieg zu verhindern und – falls dies nicht möglich sei – die „Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen“, zerbrach.
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Volker Woltersdorf – Queer Theory und Queer Politics

Der geschichtliche und politische Ausgangspunkt
Die Entstehungsbedingungen von queer als politischer Bewegung und theoretischem Denkansatz liegen in den USA der späten Achtzigerjahre. Der Hintergrund, aus dem sich das Queer Movement ableitet, ist sehr vielfältig: Die Schwulen-, Lesben-, und Frauenbewegung hatten separatistische Politiken mit im Einzelnen sehr unterschiedlicher Ausrichtung verfolgt, die die Entstehung von homogenisierten Ghettos unterstützte. Im kapitalistischen Verwertungsprozess hatte sich die pink economy zu einem eigenständigen Marktsegment gemausert (vgl. Gluckman 1997). Die fortschreitende Institutionalisierung der Lesben-, Schwulen- und Frauenbewegung leitete eine Hinwendung ihrer Funktionäre zur Lobby-Politik ein, die auch ihr Stück vom Kuchen abhaben wollte. Führende schwule Aktivisten versuchten, Schwule und Lesben als »ethnische Identität« zu verkaufen und damit in die us-amerikanische Verteilungspolitik zu integrieren (vgl. Epstein 1987). Sie stellten Schwule als assimilationswillige großstädtische Einkommenselite dar, die sich nach Anerkennung durch den Mainstream sehnt. Ein Ergebnis dieser Ausrichtung war die Kommerzialisierung und Entpolitisierung der CSD-Paraden. All dies förderte eine homogenisierte Darstellung nichtheterosexueller Lebensformen, die stillschweigend ihre weißen, mittelständischen und männlichen Vertreter zur Norm machte. Die lesbisch-feministische Szene formulierte einen sexuellen Verhaltenskodex, der von vielen Frauen ebenfalls zunehmend als beengend und normativ erlebt wurde. Die Auseinandersetzungen, die sich vor allem um Pornografie, Bisexualität, Promiskuität, Penetration und Sadomasochismus drehten, waren so heftig, dass sie als sex wars bezeichnet wurden (vgl. Duggan 1995). Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich viele Lesben und Schwule nicht mehr in diesen Bewegungen repräsentiert sahen.
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Detlef Claussen – Vom Judenhass zum Antisemitismus

Die Barbarei existiert inmitten der Zivilisation. Auschwitz markiert den äußersten Punkt in der Kette des Barbarischen, das aber nicht mit den Konzentrationslagern verschwunden ist. Es lebt fort in der psychischen Verfassung der Menschen ebenso wie in den gesellschaftlichen Bedingungen, die kaltes Massentöten von Millionen friedlicher unbewaffneter Menschen ermöglichten. Psychische Bedingungen der Individuen und gesellschaftliche Bedingungen ergänzen einander; aber es hängt von den gesellschaftlichen Bedingungen ab, daß die Menschen vom Antisemitismus nicht loskommen und ihn affektiv besetzen. An dem nach Auschwitz fortlebenden Antisemitismus läßt sich die fortwirkende Barbarei erkennen, an der Aufklärung ihre Grenzen erfährt.
Aufkläerung versprach einst, im 18. Jahrhundert, die Menschen aus ihren Grenzen herauszuführen, ihnen eine kosmopolitische Welt zu eröffnen. Judenhass galt damals als der Inbegriff finsteren Mittelalters, das man überwunden glaubte. Aufklärung koppelte sich an den Fortschrittsbegriff, und das europäische neunzehnte Jahrhundert wird geprägt durch die Vorstellung vom Verschwinden des Überholten. Aber der Judenhass verschwindet nicht im 19. Jahrhundert, er transformiert sich zum modernen Antisemitismus. Inhaltsleerer Fortschrittsglaube muß dazu herhalten, die Gegenwart des Antisemitismus aus dem Bewußtsein der Menschen fernzuhalten. Alltagsvorstellung vom Leben und wissenschaftliche Praxis decken sich in der falschen Überzeugung: Antisemitismus hat es gegeben, aber gibt es nicht mehr. Dieses moderne Durchschnittsbewußtsein identifiziert Judenhaß mit Antisemitismus oder unterscheidet bloß formal zwischen christlichem Mittelalter und säkularasierter Neuzeit.
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Max Horkheimer & Theodor W. Adorno – Elemente des Antisemitismus – Grenzen der Aufklärung

Der Antisemitismus heute gilt den einen als Schicksalsfrage der Menschheit, den anderen als bloßer Vorwand. Für die Faschisten sind die Juden nicht eine Minorität, sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches; von ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen. Dem entgegengesetzt ist die These, die Juden, frei von nationalen oder Rassemerkmalen, bildeten eine Gruppe durch religiöse Meinung und Tradition, durch nichts sonst. Jüdische Kennzeichen bezögen sich auf Ostjuden, jedenfalls bloß auf noch nicht ganz Assimilierte. Beide Doktrinen sind wahr und falsch zugleich.
Die erste ist wahr in dem Sinn, daß der Faschismus sie wahr gemacht hat. Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt. So sind sie in der Tat das auserwählte Volk. Während es der Herrschaft ökonomisch nicht mehr bedürfte, werden die Juden als deren absolutes Objekt bestimmt, mit dem bloß noch verfahren werden soll. Den Arbeitern, auf die es zuletzt freilich abgesehen ist, sagt es aus guten Gründen keiner ins Gesicht; die Neger will man dort halten, wo sie hingehören, von den Juden aber soll die Erde gereinigt werden, und im Herzen aller prospektiven Faschisten aller Länder findet der Ruf, sie wie Ungeziefer zu vertilgen, Widerhall. Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drucken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. Den Juden, mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.
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Christian Fuchs – Die IdiotInnen des Kapitals

„Freie“ Softwareproduktion – Antizipation des Postkapitalismus?

1985 wurde die Free Software Foundation (FSF) gegründet, die die Diffusion „freier“ Software propagiert. Darunter versteht sie Software, die von jedem verwendet, kopiert und weiterverbreitet werden darf, entweder im Original oder modifiziert. Wesentlich dabei ist, daß der Quelltext der Software offengelegt wird und bei jeder Weitervertreibung (auch nach Modifikationen) diese Bedingung erhalten bleiben muß.
Für die FSF bedeutet die Kategorie der Freiheit (freedom) nicht, daß „freie“ Software gratis vertrieben werden muß, sondern daß ihr Quellcode veröffentlicht werden muß. Die FSF propagiert die Weiterentwicklung des „freien“ Betriebssystems GNU/Linux. Dazu gibt es ein spezielles Lizenzabkommen, die GPL (General Public License), der alle WeiterentwicklerInnen zustimmen müssen und die auch für alle Weiterentwicklungen gelten muß. Mit dieser Lizenz wird festgehalten, daß es sich bei den entwickelten Programmen um „freie“ Software handelt. Dabei ist auch der Begriff des Copylefts von wesentlicher Bedeutung, denn die GPL legt fest, daß jede Kopie und jede Modifikation/Weiterentwicklung einer unter der GPL erstellten „freien“ Software dieselben Bedingungen erfüllen muß, also der Sourcecode frei zugänglich und modifizierbar gemacht werden muß.
Es gibt auch „freie“ Software, die keinem Copyleft unterliegt. D.h. dann, daß Kopien oder Modifikationen dieser Software unter Umständen auch für einen Verkauf ohne Veröffentlichung des Sourcecodes verwendet werden kann. Richard Stallman, der Oberguru der FSF, spricht z.B. in Bezug auf GNU Ada von einer „kommerziellen freien Software“. Ein Oxymoron, denn kapitalistische Verwertung und Freiheit sind nun mal nicht vereinbar. Nichts am Konsum und an der Ware ist freiheitlich, die einzige „Freiheit“ der Menschen in der Warengesellschaft ist die „freie“ Auswahl zwischen einem diversifizierten Produktspektrum. Und dies stellt den totalitären Aspekt des Marktes dar. Genauso verhält es sich, wenn Stallman einen Aufsatz mit „Selling Free Software“ betitelt.
„Freie“ Softwareentwicklung und GNU/ Linux werden im deutschen Sprachraum vor allem von einer Gruppe um den Betreiber der Homepage Kritische Informatik Stefan Meretz und den Administrator der Mailingliste Ökonux (steht für Ökonomie und Linux) Stefan Merten als Antizipation postkapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse begriffen. So spricht Meretz in „LINUX & CO. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft“ (2000) z.B. vom „antikapitalistischen Gehalt Freier Software“.
Inwiefern ist nun eine Software, die mit einer speziellen Lizenz, die auf Veröffentlichung und Nutzung des Quellcodes basiert, tatsächlich als antikapitalistisch zu betrachten?
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autonome.antifa [f] – Wort zum Sonntag – Eine Flaschenpost an die Restvernunft

Am Sonntag, den 3.Oktober 2004 demonstrierten knapp 300 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet gegen die Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“ in Erfurt. Eigentlich eine sehr vernünftige Sache, möchte man meinen. Doch dem war leider nicht so. Mit einem Aufruf, der vor allen Dingen einen Querschnitt „antideutscher“ Peinlichkeiten zu bieten hatte, einem Meer von Israel-, USA- und Großbritannien-Fahnen sowie zu guter letzt einer Ansprache der Bahamas-Redaktion an die gebannt lauschende Speerspitze der Weltrevolution, machte diese Demo vielmehr das aktuelle Dilemma der radikalen Linken sichtbar. Es zeigt, dass die Frage nach der erklärten „Solidarität mit Israel“ sich ebenso wenig wie die beabsichtigte „Kritik der deutschen Ideologie“ als Lackmustest für die Unterscheidung zwischen Wahnsinn und Vernunft eignet. Vielmehr, so scheint es uns zumindest, ist diese Unterscheidung da zu konstatieren, wo sie der Logik des Begriffes entsprechend auch verläuft – eben zwischen Wahnsinn und Vernunft.
Wir wollen im Folgenden ein paar abschließende Worte dazu verlieren; in der Hoffnung, dass diese Flaschenpost an die Restvernunft ihren Adressaten in der radikalen Linken noch findet. Im Sinne einer progressiven Kritik verzichten wir darauf, die „richtige“ Position fertig zu skizzieren – sie ergibt sich vielmehr als Nichtort aus der Kritik an den konträren, gleichwohl ebenso identitären, Ansätzen innerhalb der Linken.
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Lothar Galow-Bergemann – Heuschrecken im Bauch

Regressiver Antikapitalismus am Beispiel der Linkspartei

Aus einem Beschluss des Bundesvorstandes einer Jugendorganisation im Juni 2005: „Die Entwicklung einer radikalen Kapitalismuskritik ist eine Aufgabe, welcher wir uns stellen müssen… Unsere Ablehnung der kapitalistischen Verhältnisse muss grundsätzlich sein…In dem Maße, wie der Kapitalismus dem Einzelnen seine Würde nimmt, zerstört er jede menschliche Gemeinschaft. Der Kapitalismus verkürzt die Vielfalt menschlichen Wesens auf das Wirtschaftliche, Nützliche und Triebhafte…“ (Die Menschen) „erleben heute eine riesige Betonwüste. Sie erleben Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Armut, Verwahrlosung, trostlose Supermärkte und eine völlig gleichgeschaltete Gesellschaft. Sie erleben eine Ellenbogengesellschaft, von welcher entfernt anonym und weit weg die „Bonzenschweine“ hausen und über ihre eigenen Köpfe hinweg regieren. Ihr erlebtes Deutschland ist Kälte, Staatsgewalt, Dumpfheit, Mittelmäßigkeit, Ausbeutung und Entmenschlichung an jedem Ort.“
Vielleicht ist die Leserin über das Wort „Deutschland“ gestolpert.
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Erich Mühsam – Alle Macht den Räten!

Die Auflockerung aller gesellschaftlichen Bindungen in dieser Zeit des Überganges, in der nichts feststeht als die Tatsache, dass nichts feststeht, macht den Anarchisten die ernste Auseinandersetzung darüber zur Pflicht, was für neue politische und wirtschaftliche Beziehungen sie als Inhalt der durch die soziale Revolution ermöglichten Ordnung des öffentlichen Lebens herbeiführen wollen. Solche Erörterungen sind viel wichtiger als das unfruchtbare Orakeln über den Zeitpunkt, wann unser aufbauendes Eingreifen nötig werden könnte. Es ist selbstverständlich damit zu rechnen, dass vorher ganz andre Kräfte zur Entfaltung kommen können als solche, die eine freiheitliche Gestaltung des Lebens anstreben. Gegen sie werden wir wie gegen alles Unsoziale und Gegenrevolutionäre die Mittel des unmittelbaren revolutionären Kampfes anzuwenden haben. Wir müssen aber auch, mögen wir diesen Verlauf für wahrscheinlich halten oder nicht, den günstigsten Fall in Betracht ziehen, dass der ja jetzt schon vor aller Augen liegende Bankrott der Demokratie in Deutschland weder von einer halbkonstitutionellen Industriellen- und Militärdiktatur abgelöst wird, wie sie Pilsudski in Polen und Starhemberg in Österreich versucht und wie Hugenberg und der Stahlhelm sie haben möchten, noch von einer rein faschistischen Tyrannis nach Mussolinischem Muster, noch auch von einer Parteidespotie der Stalin-Kommunisten, sondern dass das revolutionäre Proletariat sich im Aufschwung seiner Kraft auf Selbständigkeit und Selbstverantwortung besinnt und daher den Kampf gegen jede Art Staat lenkt. Dann helfen uns keine Schlagwörter und keine roten und schwarzen Fahnen, dann müssen wir durch Rat und Zugriff praktisch bewahren, dass Anarchie ein wirklichkeitsträchtiger Daseinsbegriff ist und dass sich eine soziale Gesellschaft aufbauen lässt, die anders aussieht und anders handelt als ein Staat.
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[ Mit einem Vorwort von La Banda Vaga und einer Biographie Mühsams. Credits sowohl für das Onlinestellen als auch das Setzen als Druckvorlage gehen an La Banda Vaga. ]

Herbert Marcuse – Zur Situation der Neuen Linken

Ich kann nichts dafür, wie mich die New York Times nennt. Ich habe mich nie als den „ideologischen Führer der Neuen Linken“ bezeichnet, und ich glaube auch nicht, dass die Linke einen ideologischen Führer braucht. Eines braucht sie bestimmt nicht, nämlich eine neue Vaterfigur, einen neuen Daddy. Und ich will ganz bestimmt keiner sein.
Ich wiederhole, was Carl [Oglesby] gerade gesagt hat: Wir können nicht warten und wir werden nicht warten. Ich selbst kann ganz bestimmt nicht warten. Nicht nur wegen meines Alters. Ich glaube nicht, dass wir abwarten müssen. Ich habe gar keine andere Wahl, weil ich es buchstäblich nicht aushalten könnte, wenn sich nichts ändert. Auch ich ersticke daran.
Ich möchte heute ein – so weit mir das möglich ist – realistisches Bild von der Situation der Linken vermitteln. Das verlangt einige theoretische Reflexionen, für die ich mich eigentlich nicht entschuldigen möchte, denn wenn die Linke gegen theoretische Betrachtungen allergisch wird, dann stimmt mit der Linken irgend etwas nicht.
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[ Mit einem Vorwort von La Banda Vaga und einer Biographie Marcuses. Credits sowohl für das Onlinestellen als auch das Setzen als Druckvorlage gehen an La Banda Vaga. ]

Initiative zur Beendigung der studentischen Epoche -Der linksradikale Student

Warum man nicht an der Uni sondern gegen sie protestieren sollte

Der linksradikale Student – nach Überzeugung der meisten ihr zugehörenden Exemplare eine allmählich offenbar aussterbende Gattung. Dieser Endzeitstimmung entsprechend, sind auch die diversen in diesen Kreisen beliebten Beschäftigungen. Für die Interessierten sind im Sortiment:
Der wegen rapide sinkendem Angebot immer weniger Gelegenheit zum Zeittotschlagen gebende Besuch der sogenannten kritischen Seminare, im Privaten beliebig erweiterbar durch die für Außenstehende etwas mysteriösen Lesekreise oder Theoriegruppen, die sich aus den fleißigsten Teilnehmern der erwähnten Seminare rekrutieren. Häufig wird auch gleich ein zwar nicht so bezeichnetes, aber dennoch als solches fungierendes berufsvorbereitendes Praktikum gratis mitgeliefert, indem die betreffenden Studenten sich der Vorbereitung der kritischen Seminare widmen. Der Uni-Betrieb ist von diesen Studenten längst schon aufs Gründlichste und Erbarmungsloseste durchschaut, umso beruhigter und gelassener läßt es sich dann in dessen letzten Nischen bequem machen.
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Antideutsche Kommunisten Berlin -Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses

Über den Hirntod der Globalisierungsgegnerinnen

Immer dann, wenn die radikale Linke schwächer wird, beeilen sich die Überbleibsel mit fliegenden Fahnen in das feindliche Lager zu wechseln. Der Trick ist dabei stets der gleiche: Man tut so, als ob man neue Erkenntnisse hätte, die man dann als Tabubruch und vor Kühnheit zitternd vorträgt. Es gälte Abschied zu nehmen von den alten, verstaubten Ideologien, vom orthodoxen Marxismus. Die verkrusteten Strukturen müßten aufgebrochen, ganz neue Formen des Widerstandes gefunden werden. So leitete die alte Sozialdemokratie ihren Untergang ein, der darin mündete, daß sie den ersten Weltkrieg bejubelte. So erging es Joschka Fischer und seiner Gang, die schließlich Jugoslawien in Schutt und Asche bombte und auch der PDS, die übereifrig ihre Dogmatiker herausekelt und sich vom Kommunismus distanziert, als ob je jemand in der Partei diesen gewollt hätte. Es scheint einen gespenstischen Sog zum Konformismus zu geben, der immer gerade dann einsetzt, wenn Widerstand besonders notwendig wäre. Auffallend ist vor allem, daß die Liquidatoren jeglicher radikaler Kritik sich immer erst dann zu Wort melden, wenn das bekämpfte Schreckgespenst eh längst tot ist: Der linke Antistalinismus kam erst dann so recht in Mode, als es den Stalinismus längst nicht mehr gab. Aber dann läßt es sich um so ungehemmter auf den Leichnam eindreschen, den niemand mehr ernsthaft verteidigt. Etwa der oben skizzierten Figur folgen auch die Linken, die ihren Schwenk zum Bestehenden durch Kritik an den klassischen Autonomen legitimieren. „Schluß mit der Nischenpolitik!“ hieß und heißt die stereotyp wiederholte Parole, die allen Skeptikerinnen den Wind nimmt – wer will schon oldfashioned sein. Doch „Raus aus der Nische“ bedeutet nicht, den tatsächlich anekelnden Mief von Volksküchen und selbstbezogenen Moralapellen zugunsten kommunistischer Kritik abzulegen, sondern immer nur Schluß mit dem pc-Terror und der Subkultur und herein in den Mainstream, in die Welt der elektronischen Musik, der Marken und der Seifenopern. War das Ziel früher die Weltrevolution, so heißt es heute „Für eine starke Linke“ oder „Für eine linke Strömung“ (FelS), also für einen größeren Verein, der dann natürlich ein etablierter politischer Faktor zu sein hat, anstatt das Establishment zu bekämpfen. Deshalb gibt es angeschlossene PR-Abteilungen, Hochglanzwerbeflyers und Pressekonferenzen, genau wie in einem seriösem Verbund. Man diskutiert öffentlich im Fernsehen mit der Polizei, wie die AAB am Vorabend der verbotenen 1.Mai Demonstration und ist sich nicht einmal zu schade, sich von MTV interviewen zu lassen. Für die Revolution ist da nur noch als Anglizismus Platz, was andeuten soll, wenn wir ‚revolution‘ sagen, meinen wir doch nur ‚flexibility‘. Keineswegs aber könnte von uns eine ernsthafte Gefahr für die Eigentumsverhältnisse ausgehen.
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assoziation gegen kapital und nation – Boote, die voll werden können, gehören abgeschafft! Luxusliner für alle!

z.B. Ceuta und Melilla 2005 – Europa mordet nicht nur im Stillen

Seit Mitte September 2005 sieht man von der Grenze der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zu Marokko immer wieder die gleichen Bilder: „Gruppen von mehreren hundert Menschen stürmen an verschiedenen Orten gleichzeitig die Grenzbefestigungen und überfordern damit die Wachposten, obwohl die längst gewarnt sind. Ein Teil kommt durch, einer anderer wird vertrieben wie Vieh. Wer überlebt, der versucht es immer wieder.“ (Süddeutsche Zeitung, 30.9.05) Sie versuchen in die Festung Europa einzudringen, oftmals nach jahrelanger, beschwerlicher Reise innerhalb Afrikas nach Marokko. Ende September 2005 starben fünf Menschen, Anfang Oktober 2005 ist wiederum von sechs Toten zu berichten, erschossen von den Grenzposten oder verblutet an den Stacheldrahtzäunen. Die, die es nicht schaffen, werden nun auf marokkanischer Seite verhaftet und oftmals verletzt ohne Essen und Trinken in der Wüste ausgesetzt. Die Berliner Zeitung vom 11. Oktober 2005 berichtet davon, dass derzeit 400 Flüchtlinge zu verdursten drohen.
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Fremdgenese – Die romantische Zweierbeziehung

Beleuchtung einer trotzigen linken Praxis

Die romantische Zweierbeziehung (RZB), wie wir sie nennen. Womit du und ich schon anzeigen, dass es sie zu kritisieren gilt. Das weiß man schon, bevor man wissen kann, wie diese Kritik aussehen wird. Denn so nennt sie sich nicht selbst. Wir gehen also erst einmal auf Abstand. Blick von außen. Der Skandal ist zweifach. Zwei, nur zwei dürfen mit machen. Und was das für zwei sein müssen ist auch klar, es sind ein Mann und eine Frau. Denn wir alle wissen, woher das kommt. Man weiß auch schon, wie das ausgehen wird: reaktionäre, systemtragende Scheiße, affektive Teilnahme…
Seien wir ehrlich, hast Du Dir gedacht, und ich auch. Ehrlich mit uns. Geben wir zunächst einmal zu, dass wir beide in einer leben, irgendwie. Es gibt da also schon etwas zuzugeben. Es gibt da eine gewisse PCness in der ‚Linken’. Nicht so viel Rumgeturtel und Knutschen vor den Freundinnen. Also wieder der Verweis auf das Private. Und so kommt es, dass die jungen coolen sich wundern, dass die Intellektuellen so spießig sind. Wenn schon RZB, dann doch bitte heimlich und verschämt. Denn dass die RZB verdammt ausschließend ist und wer keine hat, das täglich zu spüren bekommt, das ist Konsens, oder?
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junge linke – Kritik am Anarchismus

Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie sie sich in den Verhältnissen einrichten, welchen – wirklichen oder vermeintlichen, relativen oder absoluten – Vorteil sie davon haben könnten, taucht in der üblichen Betrachtung erst gar nicht auf. Das unverrückbar gute Urteil über „das Volk“, die „Massen“, „die Arbeiterklasse“, „die kleinen Leute“, die „Normalbürger“ wird besonders dann komisch, wenn der Faschismus erklärt werden soll – der scheint ganz ohne Bevölkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch „nur“ mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschluß mit den kleinen Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken. Die unbedingte Parteinahme für die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdrückten!), wird anders fortgesetzt, spätestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93 Mob klargemacht hat, daß es sich bei den meisten deutschen Untertanen wohl kaum um verhinderte Revolutionäre handelt.
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Alex Feuerherdt – „FC Hollywood“, „Lackstiefelclub“

Über Deutsche und Linksdeutsche Ressentiments gegen den FC Bayern München

Wenn es um den FC Bayern München geht, scheiden sich die Geister wie bei keinem anderen deutschen Fußballverein. Wer den Klub nicht verehrt, hasst ihn aufrichtig; wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Eine Meinung dazu haben in der Regel auch diejenigen, die sich sonst nicht unbedingt für Fußball interessieren.
Sicher, Bayern München ist hierzulande der Fußballverein mit den meisten Mitgliedern, Anhängern und Fanklubs. Inwieweit seine Erfolge von seinen Sympathisanten sozusagen kompensatorisch herangezogen werden, um sich das eigene trostlose Leben dadurch ein bisschen zu versüßen, dass man sich selbst als Teil einer Truppe von Siegern fühlt, soll heute Abend jedoch nicht das Thema sein — genauso wenig wie die Frage, ob Glanz & Glamour des Münchner Klubs nicht einfach bloß einen ähnlich projektiven Reiz ausüben wie Pop- und Filmstars oder das britische Königshaus. Vielmehr soll an dieser Stelle von denen die Rede sein, die den FC Bayern abgrundtief hassen und darin antiliberale, deutsche Ressentiments von der Leine lassen — öfter, stärker und widerwärtiger als gegen jeden anderen deutschen Fußballklub.
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Alex Feuerherdt – Die Klinsmanndeutschen

Fußball ist ohne Zweifel en vogue, angesagt, hip und sexy. Nicht nur, aber auch in Deutschland und vor allem, seit die Weltmeisterschaft immer näher rückt. Die Bundesliga schreibt Jahr für Jahr neue Rekordbesucherzahlen, die TV-Einschaltquoten erreichen Höchststände, und längst ist dieser Sport — mehr als alle anderen — zu einem wichtigen Marktsegment geworden; aus Vereinen wurden teilweise börsennotierte Unternehmen. Fußball ist eine sehr gut verkaufte und sich bestens verkaufende Ware, die sich einen immer größer werdenden Konsumentenkreis erschließt. Während das Interesse am Kicken noch bis weit in die 1990er Jahre hinein als eher anrüchig, degoutant und prollig galt, hat sich die Gesellschaftsfähigkeit des Fußballs inzwischen gründlich geändert: Heute ist der Stadionbesuch eine echte Alternative zu Theater, Kino, Konzerten oder Musicals; auf den (teurer gewordenen) Plätzen der (mittlerweile deutlich komfortableren) Arenen versammeln sich längst nicht mehr nur als mindestens potenziell gewalttätig geltende Männer. Fußballer sind Popstars, deren Trikots vom geneigten Publikum nicht bloß im Stadion getragen werden; Fernsehsender balgen sich um die Übertragungsrechte und blasen, genau wie bunte Illustrierte mit Namen wie 11 Freunde, Rund oder Player, noch die unwichtigsten Abseitigkeiten zu weltbewegenden Ereignissen auf. Ganz normaler Kapitalismus also, könnte man achselzuckend feststellen und zur Tagesordnung übergehen. Und doch ist es nicht uninteressant, sich diese Entwicklungen samt ihrer konkreten Ausprägungen einmal näher anzuschauen und sie auf ihre ideologischen Flankierungen abzuklopfen.
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tomorrow – youth against etablishment – Kritik der Politik oder kritische Politik

Wenn man sich heutzutage mit so manch selbst ernanntem Kritiker unterhält, wird man nicht selten so einen Satz hören wie: „Es gibt kein unpolitisches Leben“. Die Argumentation dieser Person würde wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass man sich mit verschiedenen Missständen innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzt und diese kritisiert. Demnach würde jeder schon immer Politik betreiben. Aber das grundlegende Problem wird dabei verkannt, da es selbst oberflächlich betrachtet wird. Die Gesellschaft, d.h. die kapitalistische, wird nicht im allgemeinen, sondern nur an Erscheinungen kritisiert, wie z.B. soziale Ungerechtigkeiten oder Diskriminierungen. Das eigentliche Problem wird demnach nicht kritisiert, sondern völlig falsch verstanden.
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tomorrow – youth against etablishment – Arbeit. Eine Geschichte des Leidens

Die Arbeit, so wie sie uns heute erscheint, als eine fremdbestimmte, jenseits der eigenen Bedürfnisse und außerhalb eigener Kontrolle liegende Tätigkeit, ist, wie auch Kapital, Markt usw., eine Kategorie, die nur der Moderne zuzuordnen ist. Gegenstand unserer Kritik soll also nicht sein, dass Menschen im allgemeinen tätig sind, also Häuser bauen, Musik machen usw., sondern die momentane gesellschaftsmächtige Form in der dies geschieht. Denn auch wenn es heute schwer vorstellbar ist, war es nicht immer eine Selbstverständlichkeit, den größten Teil seines Lebens für einen fremdbestimmten Selbstzweck zu verbrauchen, um seine Reproduktion sichern zu können. Arbeit als etwas Natürliches, Immerwährendes und Unaufhebbares zu bezeichnen, leugnet nicht nur die Geschichte zahlreicher vormoderner Kulturen, in denen man der Bedürfnisse wegen tätig war und nicht der geldvermehrenden Produktion willen, sondern setzt auch das moderne warenproduzierende System und alle seine verheerenden Auswirkungen ad absolutum. Um die Arbeit als eine historisch begrenzte Größe zu enttarnen und ihr den Charakter einer natürlichen Gegebenheit zu entreißen, wollen wir zunächst ihre Entstehung nachzeichnen. Denn die lange Geschichte der Moderne, an deren Ende eine Gesellschaft steht, in der massive Umweltschäden, Amokläufer, Terrorismus, Massenarmut usw. als etwas Alltägliches, ja normales gelten, ist gleichzusetzen mit der Geschichte, oder besser der Durchsetzungsgeschichte der Arbeit. Denn um die gesamte Menschheit im Sinne der kapitalistischen Produktion konform zu machen, bedurfte es mehrerer Jahrhunderte offener und latenter Gewalt.
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Moishe Postone – Geschichte und Ohnmacht

Massenmobilisierung und aktuelle Formen des Antikapitalismus

Dieser Aufsatz stellt den Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von historischen Veränderungen, Internationalismus und den gegenwärtigen politischen Mobilisierungen dar. Trotz der zentralen Bedeutung der Marxschen Analyse für einen Begriff der heutigen Welt besteht eine tiefe Kluft zwischen seiner kritischen Theorie des Kapitalismus und den meisten jüngeren antihegemonialen Massenmobilisierungen. Ich möchte einige höchst vorläufige Reflexionen über die Sackgasse vorstellen, in die viele antihegemoniale Bewegungen meines Erachtens heute geraten sind, unter kritischer Berücksichtigung verschiedener Formen politischer Gewalt.
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Moishe Postone – Antisemitismus und Nationalsozialismus

Zusammenführung aller Varianten des Essays, entnommen aus Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. ca ira, 2005.

Ausmaß und Stärke der Reaktionen auf den Fernsehfilm Holocaust werfen Fragen bezüglich des Verhältnisses von Antisemitismus und Nationalsozialismus und deren öffentliche Diskussion in der BRD auf.
Diese Diskussion ist durch eine offenbare Antinomie gekennzeichnet. Einerseits haben Liberale und Konservative, während sie die Diskontinuität zwischen der Nazivergangenheit und der Gegenwart betonten, im Bezug auf jene Vergangenheit ihre Aufmerksamkeit auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden konzentriert. Andere Gesichtspunkte, die für den Nazismus zentral waren, sind dabei vernachlässigt worden. Die Betonung des Antisemitismus diente dazu, den angeblich totalen Bruch zwischen dem Dritten Reich und der BRD zu unterstreichen. Eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und strukturellen Wirklichkeit des Nationalsozialismus, die 1945 nicht plötzlich verschwunden war, wurde so vermieden. Es ist bezeichnend, daß die westdeutsche Regierung an Juden ‘Wiedergutmachungszahlungen’ leistet, jedoch nicht an Kommunisten und andere verfolgte, radikale Gegner der Nazis. Mit anderen Worten, was den Juden geschah, ist instrumentalisiert und in eine Ideologie zur Legitimation des gegenwärtigen Systems verwandelt worden. Diese Instrumentalisierung war nur möglich, weil der Antisemitismus vorwiegend als eine Form des Vorurteils behandelt wurde. Eine solche Sündenbockideologie ist eine Auffassung, die die innere Beziehung zwischen Antisemitismus und anderen Aspekten des Nationalsozialismus verdeckt.
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Erich Später – Der homogene Stamm

Die sudetendeutsche Volksgemeinschaft

Am 15.November 1922 beginnt die Streikbewegung an der Philosophischen Fakultät der deutschen Universität zu Prag. Vorlesungsboykott, Kundgebungen und Demonstrationen legen den Universitätsbetrieb lahm. Die Rebellion erfasst die naturwissenschaftliche Fakultät und die Technische Universität Brünn. Die streikenden Studenten und die mit Ihnen sympathisierenden Dozenten und Professoren werden von breiten Teilen der tschechoslowakischen Bürger deutscher Herkunft unterstützt. 50 Gemeinden im Grenzgebiet Böhmens senden offizielle Solidaritätsadressen.
Deutsche Turn-und Gesangsvereine, Zusammenschlüsse von Hunde, – Pferde und Kleintürzüchtern, der Bund der Kriegsgeschädigten, Witwen und Waisen und viele andere kleine und große Vereine stellen sich hinter die studentische Revolte. Großkundgebungen finden in den Städten Eger, Joachimsthal und Falkenau statt. Die streikenden Studenten und ihr breites gesellschaftliches Umfeld sind sich einig: „Weg mit dem Juden Steinherz. Ein Jude kann nicht Rektor der deutschen Universität zu Prag sein.
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S.I. – Über das Elend im Studentenmilieu

betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel, diesem abzuhelfen, von Mitgliedern der Situationistischen Internationale und Straßburger Studenten.

Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert
Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, daß der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist. Wenn auch die Gründe fur seine Verachtung oft falsche sind, die aus der herrschenden Ideologie stammen, sind die Gründe dafür, daß er vom Standpunkt der revolutionären Kritik aus wirklich verachtungswürdig ist und verachtet wird, verdrängt und uneingestanden. Die Befürworter der falschen Kritik können diese dennoch erkennen, und sich in ihnen. Sie kehren diese wirkliche Verachtung in eine nachsichtige Bewunderung um. So betet die ohnmächtige linke Intelligenz (von den „Temps Modernes“ bis zum „Express“) das angebliche „Kommen der Studenten“ an und die wirklich untergehenden bürokratischen Organisationen (von der sog. kommunistischen Partei zur UNEF) streiten sich eifersüchtig um ihre „moralische und materielle“ Unterstützung. Wir werden die Gründe für dieses Interesse an den Studenten zeigen, und wie sie positiv an der herrschenden Wirklichkeit des überentwickelten Kapitalismus teilhaben, und wir werden diese Broschüre dazu benutzen, sie eine nach dem anderen zu entlarven: die Auflösung der Entfremdung geht keinen anderen Weg als den der Entfremdung.
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Gruppe Magma – Die KPD und der Antisemitismus

Während das Quellenmaterial zur Frage, wie die KPD dem Nationalismus begegnete, recht umfangreich ist, so trifft auf den Komplex „KPD und Antisemitismus“ in der Weimarer Republik das Gegenteil zu. Die Partei setzte sich mit dieser Problematik schlichtweg kaum auseinander. Auch für die Komintern spielte das Thema Antisemitismus keine wesentliche Rolle. Neben einigen wenigen Artikeln in kommunistischen Zeitschriften sind bis 1935 nur zwei Publikationen der KPD zum Thema Antisemitismus bekannt: Das Buch des österreichischen Kommunisten Otto Heller mit dem Titel „Der Untergang des Judentums“ (1931) und ein offiziöses Dokument der KPD zum Thema „Kommunismus und Judenfrage“ (1932).
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Gruppe Magma – Die KPD und der Nationalismus

Die KPD in der Weimarer Republik konnte vermutlich nicht ahnen, daß faschistisches Gedankengut in Deutschland auf dermaßen breite Zustimmung in der Bevölkerung stoßen würde. Dennoch mutet der nahezu unerschütterliche Glaube der KPD an revolutionsbereite Volksmassen angesichts der realen Entwicklung befremdlich an. Der zunehmenden autoritären Entwicklung in der Weimarer Republik wurde schließlich durch die offene faschistische Diktatur die Krone aufgesetzt. Den Nationalsozialismus jedoch interpretierte die Partei stets als der Bevölkerung aufgezwungen und nicht als von ihr mitgetragen. Als die faschistische Bewegung entgegen allen Annahmen der Partei jedoch stark zunahm, stand die KPD vor einem Dilemma. Mit der Möglichkeit einer solchen Massenbasis hatte sie nicht gerechnet. Zwar galten insbesondere das Kleinbürgertum und die Bäuerinnen und Bauern als anfällig für die NS-Propaganda. Dennoch schien es undenkbar, daß ein derart großer Teil der Bevölkerung gegen seine eigenen – die KPD sprach von „objektiven“ – Interessen handeln würde. Wenn die Massen es jetzt doch taten, mußten sie folglich fehlgeleitet und manipuliert sein. Jedenfalls war es für die Partei eine ausgesprochen bittere Erfahrung, daß die Nazis einen derart dramatischen Zulauf verzeichnen konnten – noch dazu von Menschen, die die KPD neben der Arbeiterklasse stets als ihr Potential ansah.
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AG Gender-Killer – Arier@antisemitismus.de© trifft Jude™

Der Nationalsozialismus hatte den männlichen Körper als ästhetisches Ideal gesetzt. In Abgrenzung zu allem, was nicht ›männlich‹ und damit ›weiblich‹, ›jüdisch‹ oder ›rassisch unterlegen“ war, fungierte dieser ›schöne‹ Körper jedoch eher als nationales Symbol denn als repräsentativer Querschnitt des imaginierten ›arischen‹ Volkes.
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sinistra! – Getrennt marschieren- Vereint schlagen

erneut überarbeitete Version gehalten von Olga Bombalowa (sinistra!) im Juni/Juli 2004 in Moers und Marburg

Vor kurzem erschien in der „Deutschen Stimme“, ihres Zeichens Parteiorgan der NPD, ein Artikel mit der Überschrift „Sind Rechte und Linke zu einer strategischen Allianz fähig? Mit einer sozialen, ökologischen und völkischen Bewegung das System der Globalisierer bekämpfen“. Der Tenor des Artikels: „Strategische Allianzen mit der noch antiimperialistischen und antikapitalistischen Linken“ sind sehr wohl denkbar, weil „der Riß … nicht zwischen rechts und links [verläuft], sondern sich in der Frage: »Wie stehe ich zum eigenen Volk?« [definiert]“. 1993 traf sich die stellvertretende PDS-Vorsitzende Christine Ostrowski zum Plausch mit Nazi-Kadern der „Nationalen Offensive“ und konstatierte im Nachhinein, ihre sozialen Forderungen stimmten bis zum Wortlaut überein. Ein Jahrzehnt zuvor unterbreitete der damals prominenteste Neonazi, Michael Kühnen, den Autonomen ein Waffenstillstandsangebot, da der Kampf gegen „das System“ Priorität besitze.
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Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus

De Gaulle fiel. Manch einem war trüb zumut wie einem Heineschen Grenadier; mir auch, mir auch. Nur leider, dass in New York dem französischen UNO- Delegierten Armand Bérard nichts besseres einfiel, als verzweifelt auszurufen (laut „Nouvel Observateur“ vom 5.Mai): „C’est l’or juif!“ Und kein Dementi. Rechter Hand, linker Hand alles vertauscht. Der Antisemitismus schafft’s und, wie es einst bei Stefan George hiess: „… er reisst in den Ring.“
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[art.e] – move your ass in a different style

Essay über die radikale Linke in Berlin und Gründe für die Unmöglichkeit mit diesen Strukturen eine radikale Veränderung der Welt zu erreichen

die kleine szene der radikalen linken -vor allem in berlin- hat sich spätestens mitte der neuziger jahre in ihren nischen installieren können. sicher pickst der staat, in form von behörden, gerichten oder der polizei manchmal in diese nischen hinein. sicher würden die anti-antifa und manche „normale“ bürger und bürgerinnen die szene gerne verschwinden lassen. doch realistisch betrachtet sind diese angriffe -die für den.die.* einzelne.n.* lebensbedrohlich, gar tödlich enden können- nicht das größte problem der szene. stellt man sich die frage, warum die strukturell relativ etablierte radikale linke mit ihrer funktionierenden infrastruktur, ihrem kulturellem umfeld und stabilem aktivist.inn.en.*.pool es nicht schafft in gesellschaftlich relevante diskurse einzugreifen, warum sie es nicht schafft positionen oder gar utopien zu formulieren, welche auch außerhalb der szene überhaupt nur wahrgenommen werden, so wird man.frau.* schnell auf die antwort verwiesen, dass das größte problem der szene die szene selber ist.
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in eigener sache

Das nenne ich mal gelungenen Start…
Ich habe beim Hochladen der pdfs natürlich die falschen, da nicht richtig ausgeschossenen Versionen erwischt. Ist nicht allzu schlimm, evtl. fehlt eine leere zweite Seite, evtl. stimmen die pdfs auch. Ich habe sie trotzdem alle (nungut, waren erst fünf…) gelöscht und werde sie durch die richtigen ersetzen durch die richtigen ersetzt.
Merken: öfter unnötigen Krams auf dem Rechner löschen und lieber dreimal checken, was ich hochlade.

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