junge linke – Kritik am Anarchismus

Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie sie sich in den Verhältnissen einrichten, welchen – wirklichen oder vermeintlichen, relativen oder absoluten – Vorteil sie davon haben könnten, taucht in der üblichen Betrachtung erst gar nicht auf. Das unverrückbar gute Urteil über „das Volk“, die „Massen“, „die Arbeiterklasse“, „die kleinen Leute“, die „Normalbürger“ wird besonders dann komisch, wenn der Faschismus erklärt werden soll – der scheint ganz ohne Bevölkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch „nur“ mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschluß mit den kleinen Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken. Die unbedingte Parteinahme für die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdrückten!), wird anders fortgesetzt, spätestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93 Mob klargemacht hat, daß es sich bei den meisten deutschen Untertanen wohl kaum um verhinderte Revolutionäre handelt.
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