Christian Fuchs – Die IdiotInnen des Kapitals

„Freie“ Softwareproduktion – Antizipation des Postkapitalismus?

1985 wurde die Free Software Foundation (FSF) gegründet, die die Diffusion „freier“ Software propagiert. Darunter versteht sie Software, die von jedem verwendet, kopiert und weiterverbreitet werden darf, entweder im Original oder modifiziert. Wesentlich dabei ist, daß der Quelltext der Software offengelegt wird und bei jeder Weitervertreibung (auch nach Modifikationen) diese Bedingung erhalten bleiben muß.
Für die FSF bedeutet die Kategorie der Freiheit (freedom) nicht, daß „freie“ Software gratis vertrieben werden muß, sondern daß ihr Quellcode veröffentlicht werden muß. Die FSF propagiert die Weiterentwicklung des „freien“ Betriebssystems GNU/Linux. Dazu gibt es ein spezielles Lizenzabkommen, die GPL (General Public License), der alle WeiterentwicklerInnen zustimmen müssen und die auch für alle Weiterentwicklungen gelten muß. Mit dieser Lizenz wird festgehalten, daß es sich bei den entwickelten Programmen um „freie“ Software handelt. Dabei ist auch der Begriff des Copylefts von wesentlicher Bedeutung, denn die GPL legt fest, daß jede Kopie und jede Modifikation/Weiterentwicklung einer unter der GPL erstellten „freien“ Software dieselben Bedingungen erfüllen muß, also der Sourcecode frei zugänglich und modifizierbar gemacht werden muß.
Es gibt auch „freie“ Software, die keinem Copyleft unterliegt. D.h. dann, daß Kopien oder Modifikationen dieser Software unter Umständen auch für einen Verkauf ohne Veröffentlichung des Sourcecodes verwendet werden kann. Richard Stallman, der Oberguru der FSF, spricht z.B. in Bezug auf GNU Ada von einer „kommerziellen freien Software“. Ein Oxymoron, denn kapitalistische Verwertung und Freiheit sind nun mal nicht vereinbar. Nichts am Konsum und an der Ware ist freiheitlich, die einzige „Freiheit“ der Menschen in der Warengesellschaft ist die „freie“ Auswahl zwischen einem diversifizierten Produktspektrum. Und dies stellt den totalitären Aspekt des Marktes dar. Genauso verhält es sich, wenn Stallman einen Aufsatz mit „Selling Free Software“ betitelt.
„Freie“ Softwareentwicklung und GNU/ Linux werden im deutschen Sprachraum vor allem von einer Gruppe um den Betreiber der Homepage Kritische Informatik Stefan Meretz und den Administrator der Mailingliste Ökonux (steht für Ökonomie und Linux) Stefan Merten als Antizipation postkapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse begriffen. So spricht Meretz in „LINUX & CO. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft“ (2000) z.B. vom „antikapitalistischen Gehalt Freier Software“.
Inwiefern ist nun eine Software, die mit einer speziellen Lizenz, die auf Veröffentlichung und Nutzung des Quellcodes basiert, tatsächlich als antikapitalistisch zu betrachten?
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