Volker Woltersdorf – Queer Theory und Queer Politics

Der geschichtliche und politische Ausgangspunkt
Die Entstehungsbedingungen von queer als politischer Bewegung und theoretischem Denkansatz liegen in den USA der späten Achtzigerjahre. Der Hintergrund, aus dem sich das Queer Movement ableitet, ist sehr vielfältig: Die Schwulen-, Lesben-, und Frauenbewegung hatten separatistische Politiken mit im Einzelnen sehr unterschiedlicher Ausrichtung verfolgt, die die Entstehung von homogenisierten Ghettos unterstützte. Im kapitalistischen Verwertungsprozess hatte sich die pink economy zu einem eigenständigen Marktsegment gemausert (vgl. Gluckman 1997). Die fortschreitende Institutionalisierung der Lesben-, Schwulen- und Frauenbewegung leitete eine Hinwendung ihrer Funktionäre zur Lobby-Politik ein, die auch ihr Stück vom Kuchen abhaben wollte. Führende schwule Aktivisten versuchten, Schwule und Lesben als »ethnische Identität« zu verkaufen und damit in die us-amerikanische Verteilungspolitik zu integrieren (vgl. Epstein 1987). Sie stellten Schwule als assimilationswillige großstädtische Einkommenselite dar, die sich nach Anerkennung durch den Mainstream sehnt. Ein Ergebnis dieser Ausrichtung war die Kommerzialisierung und Entpolitisierung der CSD-Paraden. All dies förderte eine homogenisierte Darstellung nichtheterosexueller Lebensformen, die stillschweigend ihre weißen, mittelständischen und männlichen Vertreter zur Norm machte. Die lesbisch-feministische Szene formulierte einen sexuellen Verhaltenskodex, der von vielen Frauen ebenfalls zunehmend als beengend und normativ erlebt wurde. Die Auseinandersetzungen, die sich vor allem um Pornografie, Bisexualität, Promiskuität, Penetration und Sadomasochismus drehten, waren so heftig, dass sie als sex wars bezeichnet wurden (vgl. Duggan 1995). Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich viele Lesben und Schwule nicht mehr in diesen Bewegungen repräsentiert sahen.
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