Archiv für Dezember 2007

Michael Reich – Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft?

Die Beantwortung der aufgeworfenen Frage, „Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft“, hängt wesentlich davon ab, welchen Inhalt man diesem Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ zumessen möchte. Er ist notorisch unbestimmt und steht gewissermaßen am Kreuzpunkt unterschiedlicher historischer, soziologischer und psychologischer Betrachtungsweisen. Der Begriff hat keinen festen Bedeutungsgehalt und von daher ist es müßig, die Frage des Vortrages mit ja oder nein zu beantworten. Nichts spricht dagegen den Begriff als Epochenbegriff zu behandeln und bspw. die Zeit von 1870 bis 1914 als „bürgerliches Zeitalter“ zu bestimmen wie in den Geschichtswissenschaften usus. Die Historiographie beschäftigt sich dementsprechend mit dem „Bürger“ als Mitglied einer Schicht, die sich abgrenzt gegen die Arbeiterklasse, aber auch gegen den Adel, einer Schicht, die einen bestimmten Habitus besitzt und ein bestimmtes Selbstbild.
Wählt man eine andere Zeiteinteilung, vielleicht beginnend mit der Amerikanischen Revolution und irgendwann in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts oder Anfang des 20. Jahrhunderts endend, erhält man einen Begriff des Bürgers und der bürgerlichen Gesellschaft, der mit Nachdruck darauf abzielt, dass es in diesem Zeitraum autonome Individuen gab, die sich als selbstbestimmte verstanden und die kritisch auf ihre Umwelt reflektierten. Diese Form der Individualität, so liest man bspw. bei Adorno oder auch bei Hanna Arendt, verschwände mit dem Aufkommen der Massengesellschaft. Folgt man dieser These, liegt es nahe, eine Verfallstendenz anzunehmen und gar vom „Verschwinden des Subjekts“ zu reden, wie Adorno es tat. Die Rede vom „Verschwinden des Subjekts“ soll im Folgenden relativiert werden, ebenso jene vom Ende der „bürgerlichen Gesellschaft“, also die vom Ende der ökonomischen und politischen Bedingungen, die jenes selbstbestimmte Subjekt hervorgebracht haben.
Im Blickpunkt meines Vortrages steht also die Frage, warum es immer noch sinnvoll ist von „bürgerlicher Gesellschaft“ zu sprechen und gerade nicht, wie viele Kritiker der heutigen Zustände es tun, von „postbürgerlicher“ oder „nachbürgerlicher Gesellschaft“. Sowohl ökonomisch, politisch als auch in der Frage nach der Subjektkonstitution haben sich die Koordinaten der gesellschaftlichen Verfasstheit nicht derart geändert, dass man den Begriff der bürgerlichen Gesellschaft ad acta legen sollte.
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Hans-Christian Psaar – Street Art zwischen Rekuperation und subversivem Potential

Gleich zu Beginn die Frage nach der Definition: Was ist Street Art? Sind klassische Schmierereien auf Wahlplakaten Street Art? Oder die farbenfrohe antizionistische Staatskunst, die an Teheraner Häuserwänden zu bestaunen ist? Statt diese Fragen zu beantworten, möchte ich folgende Eingrenzungen vorschlagen, mit Hilfe derer ich Street Art behandeln werde. Street Art basiert auf der kapitalistischen Vergesellschaftung. Sie ist Popkultur und damit Teil der Kulturindustrie und leitet sich nicht aus Traditionen und Gebräuchen ab. Sie legt durch die Verwendung der Kollage den formbaren, synthetischen Charakter von Kunst dar. Sie ist eine urbane Kunst und der Stadtraum ist ihr Betätigungsfeld. Sie bedient sich verschiedener Mittel und Techniken der visuell gestaltenden Kunst wie Sprühschablonen, Aufklebern, Kleister. Sie entstammt einer Subkultur und nicht dem etablierten Kunstbetrieb.
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