Roswitha Scholz – Homo Sacer und „Die Zigeuner“

Antiziganismus – Überlegungen zu einer wesentlichen und deshalb „vergessenen“ Variante des modernen Rassismus

1. Einleitung: Antiziganismus – der „vergessene“ Rassismus
Die Beschäftigung mit dem Antiziganismus, d.h. dem spezifischen Rassismus gegenüber Sinti und Roma, ist auch innerhalb der Linken marginal. Manche wissen gar nicht, was „Antiziganismus“ überhaupt meint. Wolfgang Wippermann schreibt hierzu: „Mein Berufsstand, Professoren und Historiker, haben sich mit den Sinti und Roma nicht beschäftigt, weil es als unfein galt und immer noch gilt. Auch die kritische Intelligenz hat versagt, weil sie die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt deutscher Geschichte viel zu lange versäumt hat. Das gilt auch für linke Gruppen, denen das Schicksal der Sinti und Roma bis heute nicht sehr interessant erscheint“ (Wippermann, 1999, S. 106). Und es gilt leider genauso für wertkritische Kontexte. Als wäre die moderne Konstruktion des „Zigeuners“ als arbeitsscheu, sinnlich, „wild and free“ nicht gerade für eine wert- und arbeitskritische Position von Interesse. Vergessen wird, dass die eigenen verdrängten Bedürfnisse keineswegs bloß auf „Exoten“ projiziert wurden, „Schwarze“ und „Wilde“ irgendwo in Afrika oder in der Karibik, sondern „sie“ sind schon seit Jahrhunderten in nächster Nähe, sozusagen mitten unter uns: die „Zigeuner“, als fester Bestandteil der modern-westlichen Kultur selbst.
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Mehr: ZAG 43 – Schwerpunkt Antiziganismus